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(... und das Grauen geht weiter.)
Keine drei Tage, nachdem ich mir das Buch gekauft habe, bin ich auch schon damit durch.
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, es dieses Mal nicht so zu verschlingen, aber nach den ersten zehn Seiten konnte ich diese Hoffnung begraben, denn die dunkle Welt der Moskauer Metro hatte mich einmal mehr total gefangengenommen.
Ich bedaure es echt, dass ich kein Russisch kann, sonst könnte ich den Autor, der auch hier auf LiveJournal angemeldet ist und sein Journal alle paar Tage mal updatet, ein bisschen stalken. Ich will ja schließlich wissen, wie und vor allem wann es weitergeht. ;)



Wie der Titel schon vermuten lässt, kehrt Dmitry Glukhovsky in diesem knapp 500 Seiten starken Buch wieder in die dystopische Untergrundwelt seines Debütromans "Metro 2033" zurück.
Das Buch unterscheidet sich jedoch in einigen Aspekten von seinem Vorgänger:
Zum einen ist es keine direkte Fortsetzung des ersten Teils, da die Protagonisten hier völlig andere sind und auf den Hauptcharakter aus dem ersten Buch nur am Rand kurz eingegangen wird.
Auch scheint dem Autor hier endlich eingefallen zu sein, dass es auch Frauen in der Metro gibt, denn während im ersten Band kein einziger weiblicher Haupt- oder Nebencharaktere aufgetaucht ist, der irgendwie für die Story relevant gewesen wäre, lernt man in "Metro 2034" das Mädchen Sascha kennen, das sich den beiden Hauptcharakteren anschließt und noch eine größere Rolle spielen wird.
Insgesamt ist dieser Teil auch ein bisschen kompakter erzählt und weist nicht so viele lose Enden und Handlungslücken auf, wie sein Vorgänger, auch wenn noch immer viele Fragen über die grausige Welt der Metro ungeklärt bleiben oder neue Fragen hinzukommen. Es gibt dieses Mal auch mehrere Hauptcharaktere (im ersten Teil gab es ja eigentlich nur Artjom) und mehrere parallele Handlungsstränge.
Doch obwohl mir der ein oder andere Charakter durchaus sympathisch war, ist der eigentliche Hauptcharakter (wie auch schon in "Metro 2033") doch weiterhin die Metro selbst, sowie der Mikrokosmos, der sich in ihr entwickelt hat.


Rückkehr in die Metro

Das Buch knüpft wie gesagt nicht direkt an den Vorgänger an, sondern widmet sich den Abenteuern von Hunter, der einem noch aus den ersten Kapiteln von "Metro 2033" bekannt sein dürfte.
Die Erzählung setzt dabei ein Jahr nach den Ereignissen des ersten Teils ein. Im Laufe der Geschichte besuchen die Protagonisten neue Orte, betreten jedoch auch Stationen, die einem schon aus dem Vorgänger bekannt sind. Dort hat sich in diesem einen Jahr so manches geändert, und mancher Nebencharakter ist nicht mehr derselbe, der er noch im ersten Teil war. Was jedoch in dieser Zeit alles passiert ist, erfährt man - wenn überhaupt - nur am Rande.

Auch wenn sich Glukhovsky einmal mehr um sehr detailreiche Schilderungen der Metrostationen und dem, was in ihnen lebt, bemüht hat, ist der ständige unterschwellige Horror dieses Mal nicht so ausgeprägt, wie im ersten Band. Viel schlimmer sind stattdessen die Beschreibungen der Art und Weise, wie die Menschen miteinander umgehen.
Man sollte schließlich meinen, dass sie nach einer Katastrophe, die sie zu einem so furchtbaren Leben unter der Erde gezwungen hat, endlich aufhören würden, sich immer nur zu bekriegen - schließlich gibt es weitaus wichtigere Dinge, um die man sich kümmern muss.
Doch wie sich beim Lesen immer wieder herausstellt, ändert sich der Mensch vermutlich nie, und die Zwergstaaten der Metro bekriegen sich auch weiterhin fröhlich untereinander.


Zum Inhalt

Die Geschichte beginnt weit im Süden des Metronetzes an der Station Sewastopolskaja, die sich ein gutes Stück außerhalb der "inneren" Metro befindet, und die die wortwörtlich letzte Bastion der Menschen in diesem Teil der Metro ist.
Täglich wird die Station von grauenhaften, mutierten Kreaturen aus den Südtunneln angegriffen, gegen die sie sich bereits schon seit Jahren erfolgreich zur Wehr setzt. Aus diesem Grund sind Tod und Kampf an der Tagesordnung und die Bewohner der Station schon so weit abgestumpft, dass ihnen dieser Zustand der ständigen Bedrohung nichts mehr ausmacht.
Eines Tages kehren jedoch die Händler der Sewastopolskaja, die zur inneren Metro aufgebrochen sind, um den selbsterzeugten Strom der Station gegen Munition zu tauschen, nicht mehr zurück. Und auch die Spähtrupps, die man ihnen nachgeschickt hat, um sie zurückzuholen, tauchen nicht wieder auf. Die Telefonleitungen, die die Station mit dem Norden verbindet, sind tot und keiner weiß, was genau dort vor sich geht.

Der Vorrat an Patronen für die Gewehre der Soldaten geht schließlich allmählich zu Neige und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Station überrannt wird. Da meldet sich der Kämpfer Hunter, der erst kurz zuvor an der Station aufgetaucht ist, freiwillig für die Aufgabe, nach Norden durchzudringen und die Ursache für die Störung herauszufinden.

Hunter hat dabei nicht mehr viel mit dem abenteuerlustigen Jäger gemein, den man in "Metro 2033" kennengelernt hat. Er ist noch immer ein außergewöhnlicher Kämpfer, der vor nichts zurückschreckt, aber seitdem er Artjoms Heimatstation vor einem Jahr verlassen hat, scheint etwas Schreckliches mit ihm passiert zu sein.
Sein Gesicht ist entstellt und er selbst ist sehr schweigsam geworden, es sei denn, das Gespräch dreht sich um Kampf oder Vernichtung. Kampf ist alles, wofür er lebt, und er scheint nur dann glücklich zu sein, wenn er töten darf. Was auch immer mit ihm passiert ist - seine Menschlichkeit scheint er weit hinter sich gelassen haben.

Auf seinem Weg nach Norden begleitet Hunter ein alter Mann von der Sewastopolskaja, der sich selbst Homer nennt und es sich in den Kopf gesetzt hat, in den Jahren vor seinem Tod noch etwas zu erleben und anschließend ein Werk zu schreiben, das in die Geschichte der Metro eingehen und die Zeit überdauern soll, bis auch der letzte Bewohner der Metro gestorben ist und niemand mehr da ist, der sich daran erinnern kann.
Als Hauptcharakter seiner Erzählung hat er sich dabei Hunter ausgesucht - doch damit daraus ein klassisches Heldenepos wird, braucht er noch eine dazu passende Heldin. Diese begegnet ihnen nur wenige Tage später in Gestalt der jungen, verwilderten Frau Sascha, die seit ihrer Kindheit allein mit ihrem Vater in einer verlassenen Station gelebt hat, nachdem die beiden von ihrer Heimatstation verstoßen worden sind.
Sascha schließt sich Hunter und Homer an, und während das Trio versucht die Gefahr aufzuhalten, die die Sewastopolskaja und die ganze restliche Metro bedroht, entwickelt sich zwischen Hunter und dem Mädchen eine eigenartige Beziehung...

Auch dieses Buch enthält wieder einen Anhang mit Erklärungen sowie zwei Karten, die es dem Leser erleichtern sollen, sich in der Moskauer Metro zurechtzufinden. Dennoch kann es auch dieses Mal nicht schaden, hin und wieder auch die Google-Bildersuche zu verwenden, um sich die Metrostationen besser vorstellen zu können.


Meine Meinung

Der größte Unterschied zwischen "Metro 2034" und seinem Vorgänger besteht zweifellos darin, dass sich die Geschichte dieses Mal hauptsächlich um die Charaktere und ihr Schicksal dreht, während der Fokus im ersten Band mehr auf der Beschreibung der Metro lag, während die eigentliche Handlung auf mich mehr wie eine Nebengeschichte gewirkt hat.
Ob das ein Vor- oder ein Nachteil ist, hängt darum ganz davon ab, ob man sich als Leser mit den Charakteren dieses Buches anfreunden kann oder nicht.

Natürlich kommt die Metro auch in "Metro 2034" nicht zu kurz, aber während Glukhovsky im ersten Teil noch mit einer unglaublichen Detailverliebtheit jede einzelne Station genauestens beschrieben hat, tut er das im zweiten Teil fast nur noch bei den Stationen, die im ersten Teil noch nicht vorkamen. Bei bereits bekannten Stationen hingegen (z.B. der Polis) fasst er sich relativ kurz - was ich jedoch auch sinnvoll finde, denn wenn man den ersten Band bereits kennt, braucht man die seitenlangen Beschreibungen nicht in doppelter Ausführung.

Doch zurück zu den Charakteren.
Die Personen mit der größten Tiefe sind zweifellos Homer und Sascha, aus deren Sicht die Geschichte auch erzählt wird. Der Blickpunkt von Hunter, um dessen Taten sich die Handlung hauptsächlich dreht, bleibt dem Leser jedoch fremd, und er wird das ganze Buch hindurch stets aus der Sicht anderer beschrieben.
Prinzipiell finde ich diese Art der Charakterisierung zwar interessant, hätte mir aber gerne eine ausführlichere Beschreibung seiner Person gewünscht (denn als Protagonisten finde ich Hunter durchaus faszinierend), die hier insgesamt doch recht oberflächlich bleibt.
Im Laufe der Geschichte erfährt man zwar, wieso Hunter zu dem geworden ist, was er ist, doch auch wenn das seine ständigen Stimmungsumschwünge erklärt, sind mir diese noch immer zu wahllos und häufig. Das lasst seinen Charakter schrecklich unbeständig wirken und ich hätte es besser gefunden, wenn Glukhovsky Hunters Persönlichkeitsentwicklung etwas langsamer angegangen wäre.

Ähnlich ging es mir mit der Beziehung zwischen Hunter und Sascha. Zwar konnte ich die Gründe für die Abhängigkeit der beiden voneinander nachvollziehen, doch auch hier ging mir die ganze Entwicklung der Beziehung zwischen ihrem ersten Treffen und dem Schluss des Romans viel zu schnell. Und als dann später noch Leonid zu der Gruppe stößt, wirkt das Ganze noch viel chaotischer.
Lediglich Homer macht eine Entwicklung durch, deren Tempo ich angemessen und nachvollziehbar finde, was wohl auch der Grund ist, weshalb ich für ihn die meiste Sympathie aufbringen konnte.
Wenn der Autor das Problem mit der Charakterentwicklung also noch in den Griff bekommt, könnte der nächste Teil der Reihe sehr interessant werden.

Ansonsten fand ich das Buch insgesamt weniger gruselig als den Vorgänger (bei dem ich mich stellenweise wirklich sehr gefürchtet habe), dafür jedoch wesentlich blutiger und grausamer. An Splatter- bzw. Gore-Elementen mangelt es jedenfalls keineswegs. Erst recht, sobald man herausfindet, worin die Gefahr besteht, die die Sewastopolskaja bedroht - und wie Hunter gedenkt, sie zu bekämpfen.

Wie auch beim Vorgänger war es auch bei "Metro 2034" die Botschaft des Buches, die mich am meisten getroffen hat.
Denn am Ende führen doch alle Gräueltaten wieder zum Menschen selbst zurück und zu der Erkenntnis, dass er selbst stets das größte aller Ungeheuer sein wird...


Trotz der depressiven, grausigen Welt der "Metro"-Romane hoffe ich, dass ein Nachfolger nicht mehr lange auf sich warten lässt. Das Szenario ist einfach zu faszinierend und das Metronetz bietet noch immer viel Spielraum für weitere Geschichten.


P.S.: Ich habe versuche, mein Review weitestgehend spoilerfrei zu halten, also keine Panik, falls ihr das Buch noch lesen wollt. :)

Comments

( 3 Kommentare — Kommentar hinterlassen )
kizutsuketa
24. Okt 2010 04:58 (UTC)
Ich habe schon deine Rezzension über 2033 gelesen, habe dann aber vergessen, etwas dazu zu schreiben XD
Hm, erstmal muss ich sagen, ich finde es krass, dass du so einen Wälzer in 3 Tagen lesen kannst o.O Ich kann ehrlich gesagt nicht länger als eine Stunde am Stück lesen, wenn überhaupt.
Ansonsten hast du mich voll erwischt, da ich eine hoffnungslose Schwäche für Dystopien habe. Sobald ich zurück in Deutschland bin, werde ich mir die Bücher kaufen (wenn ich es bis dahin nicht vergesse ^^"). Also vielen Dank für deine Rezensionen!
morweneledhwen
24. Okt 2010 19:47 (UTC)
Oh, hallo, hallo! =)
Freut mich, mal wieder was von dir zu hören! ^^

Dystopien haben mich schon immer fasziniert, ich weiß auch nicht, wieso. Vielleicht, weil ich es immer wieder erschreckend finde, was Menschen einander antun können.
Also was das betrifft, wirst du bei dem Buch sicher nicht enttäuscht werden. Sowas Hoffnungsloses habe ich schon lange nicht mehr gelesen. ;)

Ach stimmt, du bist ja in Japan... *_*
Aber du bist doch schon länger dort, oder? Doch nicht erst seit diesem Semester. ^^
Wenn das Buch nicht so groß und dick und schwer wäre, würde ich es dir glatt schicken... aber dann hast du mehr, was du hierher zurückschleppen musst, was auch blöd wäre. xD
Aber ja, guck auf jeden Fall mal rein, wenn du wieder hier bist. =)
kizutsuketa
26. Okt 2010 11:26 (UTC)
^^ Wir machen uns zur Zeit beide ziemlich rar, oder? Aber ich lebe noch, wie man sieht.

Wieso hast du mir nie gesagt, dass du auch auf Dystopien stehst? o.O
Was magst du denn noch so an Filmen/Büchern in diesem Genre?

Ähm, ja, ich bin seit April in Japan, zurück komme ich dann Anfang des nächsten Jahres. Na, das wäre zu viel des Guten^^" Aber ich nehme mir vor, mir das zu merken. Habe ich das richtig mitbekommen, dass das eine (längere) Reihe werden soll?
( 3 Kommentare — Kommentar hinterlassen )

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