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Stephen King: "Der dunkle Turm"

Eines vorneweg:
Dies ist keine richtige Rezension zu der Reihe, zumindest war es nicht meine Intention, eine zu schreiben. Es ist vielmehr ein ich-habe-gerade-den-letzten-Band-gelesen-und-MUSS-einfach-noch-mal-was-dazu-sagen-Eintrag.




Lange hat's gedauert.
Ein gutes halbes Jahr habe ich für die ~5000 Seiten von Stephen Kings siebenbändiger Reihe "Der dunkle Turm" gebraucht, was unter anderem auch daran lag, dass ich die Bücher nicht am Stück gelesen, sondern hin und wieder andere Romane dazwischengeschoben habe (unter anderem Kings "The Stand", für das dick mal so gar kein Ausdruck ist).

Aber seit ein paar Tagen bin ich endlich mit dem letzten Band fertig und schreibe diesen Eintrag nun für die Damen caliena und 0_noctifer_0, die mich nach meiner Meinung zu der Reihe gefragt haben - aber auch für mich selbst, weil ich selbst noch ein paar Sachen dazu loswerden muss.


Von allen Werken von Stephen King (und das sind weiß Gott nicht wenige) ist die Saga um den dunklen Turm wohl mit Abstand das umfangreichste. Die Bücher wurden zwischen 1982 und 2004 über einen Zeitraum von über 20 Jahren veröffentlicht (und sobald dieses Jahr der 8. Band erscheint, werden es sogar genau 30 Jahre sein). Die lange Schreibdauer ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Stephen King die Geschichte größtenteils improvisiert hat und nach dem Abschluss eines Bandes meistens selbst nicht wusste, wie die Geschichte weitergehen soll.
Da ich häufig auch selbst nach diesem Prinzip Geschichten schreibe, kenne ich den Spaß und die kreative Freiheit, die man bei diesem Verfahren hat - aber leider auch das sehr hohe Risiko, sich irgendwann in eine Sackgasse zu schreiben. Oder noch schlimmer: die Gefahr, dass einem zwischendurch schlichtweg die Ideen ausgehen.
Und eben dieses Problem ist auch King zum Verhängnis geworden.

Ich finde diese Tatsache allein deshalb unglaublich bedauerlich, weil die Reihe wirklich großes Potential hatte.

Der erste Band ("Schwarz") war dabei als Einstieg eine eher trockene und vor allem verwirrende Lektüre.
Man wird ohne große Erklärungen in eine postapokalyptische Welt hineingeworfen, in der die Hauptperson - ein einsamer, hartgesottener Revolverheld namens Roland - durch eine Landschaft zieht, die stark an den Wilden Westen erinnert, in der es jedoch auch von Mutanten, Hexen, Zauberern, Vampiren, Naturgeistern und Wiedergängern wimmelt. Hin und wieder finden sich in dieser Welt auch Maschinen, die einst von einem hochtechnisierten Volk erbaut wurden, nun jedoch schon lange zerfallen und verrostet sind.

Die Welt, in der Roland lebt, wird als Welt bezeichnet, die sich "weiterbewegt" hat. Die letzten Hochkulturen sterben aus und das Gefüge der Welt wird dünner und löst sich auf, selbst Zeit und Distanz spielen keine große Rolle mehr.
Um das Ende der Welt zu verhindern, sucht Roland nach dem dunklen Turm, der als Zentrum allen Seins gilt und von dem er hofft, dass er die Welt wieder reparieren kann, wenn es Roland gelingt diejenigen, die den Turm zerstören wollen, aufzuhalten.

Rolands Reise bzw. Suche nach dem dunklen Turm zieht sich über die kompletten sieben Bände hin.
Dabei ist er anfangs noch allein, kriegt später jedoch Unterstützung von drei New Yorkern - einem jungen Mann (Eddie Dean, ein Heroinjunkie), einer Frau (Odetta bzw. Susannah, Erbin eines reichen Unternehmens und außerdem an den Rollstuhl gefesselt) und einem Jungen (Jake, den Roland als den Sohn sieht, den er nie hatte) - die er jeweils durch Türen zwischen den Welten aus verschiedenen Zeiten (den 60ern, den 70ern und den 80ern) in seine Heimatwelt "zieht" und sie zu Revolvermännern ausbildet.
Anfangs noch etwas widerspenstig fügen sich die drei jedoch bald in ihr Schicksal und stehen Roland auf seiner Suche nach dem Turm bei - eine Suche, die im Laufe der Jahre so ziemlich jeden, den Roland je gekannt hat, das Leben gekostet hat.

So viel zur Story.

Ich mochte die ersten vier Bände sehr und habe sie auch in recht kurzer Zeit gelesen. (Besonders Band 4 - "Glas" - ein 1000-Seiten-Wälzer, in dem Roland von seiner ersten großen Liebe und seinen früheren Freunden erzählt, habe ich nahezu verschlungen.)
Stephen Kings Ideenreichtum ist wirklich beachtlich und sein Schreibstil lässt sich angenehm lesen. Roland ist nicht der sympathischste Mensch, aber mit seiner humor- und fantasielosen Art, seinem absoluten Unverständnis von Technik und seiner Dickköpfigkeit wächst er einem mit der Zeit trotzdem irgendwie ans Herz. Eddie, Susannah und Jake werden nach und nach eingeführt und bekommen jeweils ihre eigene spannende Hintergrundgeschichte.
Was ich an Stephen King so mag, ist, dass er so glaubwürdige Charaktere schaffen kann. Ihre Alltags- und Beziehungsprobleme, die einem oft selbst nicht fremd sind, werden einem stets auf eine Weise nahegebracht, dass man das Gefühl bekommt, man würde diese Leute persönlich kennen. Und genau das gelingt ihm auch wieder mit den Hauptfiguren von "Der dunkle Turm".

Was ich auch sehr mochte waren die Reisen zwischen den Welten, bei denen sich Roland seine Gefährten "holt" und dabei mit seiner altertümlichen Ausdrucksweise nicht selten für Verwirrung oder völliges Unverständnis sorgt. Im Verlauf der Geschichte kommt es häufig zu Konfrontationen zwischen Roland und den Wundern der modernen Welt, die ich sehr amüsant fand.

Im krassen Gegensatz dazu steht Rolands sehr tragische Hintergrundgeschichte, in der er anfangs seine Mutter, später seinen Vater und dann nach und nach alle seine Freunde verliert. Abgesehen von "Glas" befasst sich keines der Bücher intensiver mit Rolands Geschichte, was ich sehr schade finde. Die Zerstörung seiner Heimat, der Fall seiner Familie und die letzte große Schlacht der Revolvermänner (von denen Roland selbst als einziger übrigbleibt) wird nie ausführlich thematisiert, sondern immer nur vage angedeutet. Da hätte ich mir echt mehr gewünscht.

Dennoch habe ich die Geschichte von der Reise des Revolvermannes und seiner neuen Gefährten aus New York mit Spannung verfolgt. Die ganze Mythologie von Rolands Welt, die King sich für diese Reihe ausgedacht hat (die archaischen Höflichkeitsformen, das Prinzip von "Ka", die Balken etc.), ist wirklich interessant und hat mich Seite um Seite verschlingen lassen.
Jedenfalls bis zum Ende des 4. Bandes.
Danach folgte von Stephen Kings Seite aus wieder eine längere Schreibpause, bis er 2003 mit Band 5 zur "Dunkler Turm"-Saga zurückkehrte.

Und von hier an ging irgendwie alles bergab.

Die Grundidee von Band 5 fand ich dabei noch interessant, aber es wird viel zu viel rumgeredet und es passiert einfach kaum etwas. Das Buch hat rund 1000 Seiten, und obwohl ich Kings langsamen und gründlichen Storyaufbau sonst immer sehr genieße, fand ich es hier einfach nur ätzend und musste mich teilweise durch ganze Kapitel durchquälen. Dann kam Band 6, der zum Glück nur halb so viele Seite hatte, aber den ich vom Inhalt her noch viel furchtbarer fand.
Die Story ist unnötig verworren und das ganze durch-die-Welten-Gehüpfe, das ich am Anfang noch so toll fand, ist hier zum Teil einfach nur noch völlig sinnlos. Die ganze Mordred-Sache hat mir nicht gefallen (Mordred selbst fand ich dabei nicht so schlimm wie Mia, die mir als Charakter ganz schrecklich auf die Nerven gegangen ist), und der permanente Einsatz von Dei ex machina lässt die Story noch unrealistischer werden, während andere Konflikte, die im Laufe der Reihe aufgebaut wurden, plötzlich verpuffen oder nur noch von geringer Bedeutung sind (z.B. die Sache mit Marten).

Stephen King führt ab Band 5 einfach zu viele (bzw. zu viele überflüssige) Handlungsstränge ein und setzt sie nur halbherzig um. Und was mich am meisten stört - er schreibt sich selbst in die Geschichte rein, was man meiner Meinung nach als Autor nie, nie, NIEMALS nicht machen sollte und was schlichtweg der Gipfel der Impertinenz ist.

Mich hat das so unglaublich geärgert, weil mir der Storyverlauf bis dahin gut gefallen hat, ich jetzt aber nur noch permanent den Kopf auf die Tischplatte schlagen wollte.

Erst ab etwa der zweiten Hälfte von Band 7, wo die Handlungsstränge wieder weniger werden (dafür jedoch konsequenter umgesetzt sind), wird es endlich wieder erträglicher. Allerdings nicht sehr lange, denn sobald der Turm in Reichweite kommt, geht das große Sterben los, und die Charaktere, die einem über tausende Seiten hinweg ans Herz gewachsen sind, verabschieden sich nach und nach...

Wer am Ende überlebt und was die Überlebenden am dunklen Turm erwartet, werde ich hier nicht verraten, aber ich finde das Ende (also das Ende nach dem Ende) ausgesprochen gemein und deprimierend.



Ich stehe also - wie man sieht - der ganze Reihe etwas zwiespältig gegenüber.
Den Anfang fand ich großartig und die Möglichkeiten, spannende Geschichten in und über Rolands sterbende Welt zu erzählen, waren schier unendlich.
Stephen King hat sie nur leider nicht ausgeschöpft.

Ich bin darum sehr gespannt, wie Band 8 der Reihe werden wird, der in ein paar Monaten erscheint. Da die Saga an sich abgeschlossen ist, wird die Handlung des Romans zwischen Band 4 und 5 spielen - also genau dort ansetzen, wo (für mich) alles abwärts ging.
Aber vielleicht kriegt es der King dieses Mal ja besser hin.
Ich wünsche es ihm jedenfalls.


Comments

caliena
29. Jan 2012 23:42 (UTC)
Ah, wir stehen tatsächlich sehr auf einer Wellenlänge, für mich gings ab Band 5 leider auch bergab.
Ich musste sagen, ich fand es jedoch faszinierend, wie viele seiner anderen Werke King in diese Bücher verwoben hat.
Ständig hatte ich einen AHA! Moment und wusste, woher ich Szenarien und Charaktere kannte, und das fand ich super.
Auf Band 8 bin ich gespannt - werde aber die Reihe wohl vorher noch mal lesen müssen.

Danke für den Eintrag, hast vieles gesagt, was ich mir auch so gedacht habe ;)
morweneledhwen
29. Jan 2012 23:59 (UTC)
Gut zu wissen. xD
Ich finde, man merkt auch total den Einbruch. Auf einmal wurde alles einfach irgendwie... chaotisch. .__.

Wegen der Crossover mit seinen anderen Werken habe ich zwischendurch auch "The Stand" gelesen, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass Randall Flagg wohl eine größere Bedeutung in der Saga spielen sollte, und da wollte ich natürlich vorher wissen, wer das überhaupt ist. ^^
Auch wenn er dann am Ende so sang- und klanglos von der Bühne gegangen ist... .__.

Gerne doch. :)
Und viel Spaß beim (Wieder-) Lesen... da hast du dir ja was vorgenommen. xD
caliena
30. Jan 2012 00:16 (UTC)
Insomnia und Salem spielen ne wichtige Rolle in der Saga :)
an die musste ich meistens denken :D

Ja, danke, mal schaun wann ich anfange ;D
morweneledhwen
30. Jan 2012 07:58 (UTC)
Die kenne ich leider beide nicht. Dx
Aber zumindest der Inhalt von Salem wurde ja ausführlich wiedergegeben. ^^

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